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Taschenbuch

 

Klappentext

 

3010 nach Christus herrscht Krieg in der Milchstraße. Jene, die früher Bürger zweiter Klasse waren, haben sich erhoben, um Ungerechtigkeit mit Grausamkeit, Arroganz mit Hass, Korruption mit Fanatismus zu vergelten. Doch inmitten einer fremden und zugleich vertrauten Galaxis existieren auch Lebewesen, die abseits der Schlachten und Gemetzel ihren Träumen folgen. Vier Abenteurer, die sich aufmachen, um nach einem geheimnisvollen Raumschiffwrack zu suchen. Aber weh sei denen, die da denken, dass sie dem Krieg entfliehen können. Denn vom Krieg gibt es kein Entkommen. Es gibt niemals ein Entkommen.

 

Leseprobe


Pevra ließ ihren Blick über den Gefängnishof schweifen, als sie jemand von hinten anrempelte. Sie wandte sich dem Störenfried zu. Ein Mensch, der sie frech angrinste, obwohl er gut zwei Köpfe weniger maß. "Aus dem Weg, Warzfuß!", schimpfte er.
Was? Na warte, du kleiner... Pevra atmete tief durch. "Einen Stawen provozieren? Dein Gehirn hat auch schon mal bessere Zeiten gesehen."
Der Idiot wich nicht von der Stelle und streckte ihr die Zunge raus.
Spinner. Wenn der so weiter macht, verliert der bald ein paar Zähne. Sie biss eisern die Zähne zusammen.
Der Quälgeist machte er eine affektierte Handbewegung. "Pah, kein Mumm mehr in den Knochen, ihr Warzfüße." Er zog weiter.
Pevra sah ihm nach und ballte eine grünbraune Faust. Idiot.
Bald darauf wiederholte der Mensch sein Spielchen bei einem anderen Opfer. Er steckte einen heftigen Schlag ins Gesicht ein. Der Mann wimmerte auf. Doch schon ein paar Sekunden später stänkerte er den nächsten Stawen an, mit ähnlichen Resultaten.
Pevra schüttelte den Kopf. Der steht wohl auf Schmerzen.
Sie schlenderte in Richtung des Zauns, der die Haftanstalt von der Wildnis trennte. Er bestand aus einem weitmaschigen Kohlefasernetz. Nach wenigen Schritten stieß sie auf Eoktwan, die verschlungene Symbole in den Sand zeichnete. Ihre Kieferklauen zitterten vor Erregung. Offenbar befand sie sich in einer Art Künstlerrausch. Pevra hockte sich neben ihre zart gebaute Bekannte und beobachtete sie. Sofort starrten Eoktwans Augen, diese schwarzen Kohlestückchen ohne sichtbare Iris, nach dem Ball in Pevras Händen.
"Der Ball, der Ball! Bitte, Pevra, gib mir doch den Ball."
"Nein. Du weißt genau, dass mir dieser Ball sehr wichtig ist."
"Und genau deswegen interessiert er mich ja so", schloss Eoktwan mit heiligem Ernst.
Pevra verdrehte die Augen. "Ähm, okay. Er ist mir nicht mehr wichtig. Du kannst ihn haben."
Die Rivianerin spreizte ihre Mundklauen, eine Geste, die bei ihrer Spezies einem Grinsen gleichkam. "Du vergisst, dass ich Lügen riechen kann."
Ah ja, stimmt. "Sag, Eoktwan, warum möchtest du den eigentlich?"
Eoktwan breitete dramatisch die dunkelbraunen Arme aus. "Wenn ich das verrate, ist es kein Geheimnis mehr. Und wenn es kein Geheimnis mehr ist, welchen Wert hat es dann noch?"
Pevra seufzte. Mann, genug mit Eoktwan geredet, für heute. "Wie auch immer."
Sie nahm ihre Runde durch den Hof der Haftanstalt wieder auf. So wie immer erstaunte sie die Fragilität der Zäune rund um das Gefängnis. Nichts, was man nicht mit einem Laser im Handumdrehen erledigen könnte. Aber das war bei weitem nicht die einzige Nachlässigkeit der Wachmannschaft – sie scherte sich auch nicht um Raufereien, Hygiene oder den Dosisschmuggel unter den Häftlingen. Ob ihr Desinteresse die größtenteils stawischen Gefangenen verhöhnen sollte?
Ihr fiel eine Gestalt auf, die sie hier noch nie gesehen hatte. Ein schlanker Humanoider, der etwas Echsenartiges an sich hatte. Seine Haut glänzte saphir- und cremefarben. Ich wusste gar nicht, dass es Eidechsenmenschen gibt. Sie spazierte zu Eoktwan zurück, weil die meistens über den Gefängnisklatsch Bescheid wusste. "Hast du diesen Blaumann gesehen?"
Eoktwan spähte in seine Richtung, das haarige Gesicht zu einem Ausdruck der Konzentration verzogen. "Er wollte nicht mit mir sprechen", erzählte sie. "Aber er riecht ... traurig."
Das ist ja mal ganz was Neues! Traurige Gefangene... "Vielleicht redet er ja mit mir. Im Gegensatz zu dir verzapfe ich nicht andauernd Lethoni-Dung."
Eoktwans Blick gewann eine durchdringende Kraft, voller Tiefe. "Deine Hitze ... das Temperament eines Vulkans."
Pevra verdrehte die Augen. Jetzt fängt sie schon wieder damit an! Sie nahm so schnell wie möglich vor der Rivianerin Reißaus. In ihrem Dunstkreis hält man es wirklich nur ein paar Sekunden aus. Pevra näherte sich der Gestalt, die am Zaun stand. Der Blaumann starrte in die Landschaft hinaus, entrückt, in Gedanken versunken. Pevra stellte sich neben ihn und tat es ihm gleich. "Neu hier?"
"Ja."
"Und, warum haben sie dich verknackt?"
Der Blaumann wandte sich ihr zu. Der Blick dieser riesigen, orangefarbenen Augen brannte sich in Pevra ein. "Mit der Frage macht man sich hier sicher viele Freunde."
Pevra zuckte mit den Schultern. Na und? Hier sind fünfzig Prozent der Gefangenen Stawen. "Ich bin - war Offizierin. Wer mich attackiert, stirbt."
Der Blaumann nickte.
"Also, warum hat man dich verknackt?"
Der Neue zog irritiert seine Augenbrauen zusammen, die zu seiner ledrigen Haut nicht zu passen schienen. "Warum haben die Sie verknackt?"
"Zu loyal. Hab mich freiwillig gemeldet", versetzte Pevra freimütig.
Er verschränkte schlanke Arme und wandte sich würdevoll wieder der Steppenlandschaft hinter dem Zaun zu.
Pevra wartete auf eine Antwort, doch es erfolgte keine. Wahrscheinlich brauch ich so schnell auch auf keine zu hoffen. Sie verlor die Lust an dem Gespräch und verließ den mysteriösen Fremden. Hier gingen die Uhren ohnehin langsamer, sodass mehr als genug Zeit blieb, sich gegenseitig kennenzulernen.
Eine Weile später näherten sich ihr ein paar glatzköpfige Stawen. "Major, spielen Sie doch ein bisschen Tilag mit uns."
Pevra schüttelte den Kopf. Ich bin kein Major mehr. Das ist jetzt vorbei, ein für alle mal. Endlich. "Ich sehe hier keinen Major", konterte sie barsch. "Sucht euch jemand anderen für euer Spiel."
Der stawische Ex-Soldat riss die Augen auf. Anscheinend kapierte er nicht, wie jemand auf seinen Offiziersrang freiwillig verzichten konnte. "Keine Sorge, wir werden hier nicht ewig feststecken. Bald machen die einen Gefangenenaustausch, und dann sind Sie auch gleich wieder Major."
Pevra biss die Zähne zusammen. Sie kapieren's einfach nicht! Verdammt noch mal, ist das so schwer zu schnallen? Da sie zu den wenigen Insassen gehörte, die am Kopf die Tätowierung eines Offiziers trugen, sprachen die ehemaligen Soldaten sie nur allzu oft an. Die wollten alle ihr Freund sein und empfanden tiefen und ehrlichen Respekt für sie. Kein Wunder... "Ich werde aus der Armee austreten, sobald ich wieder frei bin, Soldat", stellte sie schroff fest. Hör auf, Pevra. Das war ein Fehler! Jetzt werden sie zu diskutieren anfangen.
Ihr Gegenüber zog verwirrt die schwarzen Augenbrauen zusammen. Ein Lichtstrahl spiegelte sich auf seiner Glatze. "Kriegsverletzung?"
"Ja. Und jetzt hören Sie auf, mich daran zu erinnern!"
"Ja, Madam. Wenn wir irgendetwas für Sie tun können, brauchen Sie es nur zu sagen", offerierte er mitleidig.
Mann, ich halt's nicht aus! Ich halt's einfach nicht mehr aus! Pevra machte, dass sie wegkam, so schnell sie ihre Quadratlatschen trugen. Sie musste ohnehin bald wieder in ihre Zelle zurück und bis dahin konnte sie die Bewegungsfreiheit im Hof nutzen, statt mit Dummköpfen zu plaudern. Sie fiel in einen lockeren Lauf. Pevra kam an einzelnen Häftlingsgrüppchen, gelangweilten Telonidenwachen und einem Säuberungsroboter vorbei. Langsam aber stetig nahm der Ärger ab und ihre Laune besserte sich. So übel fand sie die Haft im Vergleich zum Krieg gar nicht. Immer wenn sie daran dachte, dass die Teloniden sie im Dienste des Galaktareichs gefangen genommen hatten, verzogen sich ihre Mundwinkel zu einem Lächeln.
Pevra stieß in einer Ecke des Hofes auf Y-23. Der Mechanoide unterhielt sich mal wieder mit einer Gruppe von Mithäftlingen. Obwohl seine Mimik starr und emotionslos blieb, konnte Pevra anhand seines Tonfalls erkennen, dass er dieser Tätigkeit mit Begeisterung nachging. Sie musterte den vertikalen Mund, der sich im Einklang mit seinen Worten öffnete und schloss. Ziemlich abartig.
Vielleicht erzählt er ja bald wieder eine seiner berühmten Geschichten. Das gehörte zu den kleinen Höhepunkten des Gefängnisdaseins. Y-23 war nämlich ein exzellenter Geschichtenerzähler und hatte in seinem Leben schon viel erlebt.
Aber sie hatte keine Zeit mehr, ihn danach zu fragen. Denn der Hofgang endete und Pevra musste in ihre langweilige Zelle zurückkehren.

 

 

 

 

 

Erscheinungsdatum ist das Frühjahr 2012 im Fallen Star Verlag.

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